Montag, 15.08.2005
Ein Loblied auf die Rundfunkanstalten - aber nicht auf den Rundfunk
Es ist kein Geheimnis, dass ich seit Monaten kein Fernsehen mehr gesehen habe - und damit glücklich bin. Ich vermisse das Fernsehen kein winziges Halbbild, habe im Gegenteil eine Menge freier Zeit gewonnen, in der ich mir meines Gehirns bewusst werde, welches ich früher mit Werbung und dämlichen Shows zugerauscht habe.
Fernsehen ist meist eine Beleidigung des eigenen Verstandes, immer unflexibel und dermaßen von störenden Werbeblöcken zersetzt, dass ich nicht hinschauen mag. Dazu kommt noch, dass mein Lieblingsrohstoff, die Information, aus den meisten Fernsehquellen nur in fragwürdigem Zustand und mit zwielichtigen Hintergründen tropft, wenn sie nicht zusätzlich noch kräftig überwürzt und einem Werbeblock nachgereicht wird. Und wenn man mich fragt, was mit den tollen, tollen Spielfilmen ist, die KloSieben oder Puper-RTL zeigen, frage ich: Welche Spielfilme? Im öffentlich-rechtlichen laufen nur billigste Eigenproduktionen wie der Tatort aus Dresden oder barocke Overkill aus der Feder frustrierter Romanautorinnen, die privaten verschwenden ihre Sendekapazität mit den Kriminal-Kinofilmen aus den 80ern und 90ern, die schon im Kino niemand sehen wollte. Würg! Als Ferni-Unabhängiger greife ich zum Buch oder gehe, wenn´s sich gar nicht vermeiden lässt, in eine Videothek meines Vertrauens. Dort gibt´s den ganzen Dreck, mit dem die Privaten meine Freizeit beschmutzen wollen, auf DVD und mitten in diesem Müllhaufen auch einige Perlen, Dinge, die man wirklich sehen möchte, für´n Euro am Tag. Macht zwei Euro für ein enttäuschungsfreies Abendprogramm ohne Werbung und Moderations-Surrogate. Das muss es einem einfach wert sein.
Jetzt aber zu dem, was ich in den letzten Tagen am Rundfunk schätzen gelernt habe: Sendungen als Audio-Datei zum kostenlosen Herunterladen, oder, in der automatisierten Abo-Variante "Podcasting". Das ist wirklich fein! Ein paar öffentlich-rechtliche Sender bieten Audio-Mitschnitte ihrer Formate zum Herunterladen an. Die kann man dann hören, wenn es einem passt, muss also nicht die karge Freizeit opfern, und wenn überhaupt dann freiwillig. In der Bahn, zu Fuß oder beim Pferderennen, eine automatisch aktualisierte Auswahl aus Information, Unterhaltung und Nachrichten ist immer dabei. So entdeckte ich sogar den ARD-Presseclub als unterhaltsames und anspruchsvolles Angebot, nicht als pupsiges Genöle von Fachidioten, wie´s im Fernsehen herüberkommt. Als Tonspur allein ist der Presseclub eine Empfehlung wert und vor allem: Wem der Sendetermin stinkt oder wem die Freizeit zu kostbar ist, kann das betreffende Format auch auf dem Weg zu Arbeit oder zum Bäcker oder zum Finanzamt hören. Ist doch klasse! Radio on Demand, Content on Demand, alles on Demand! Ich liebe es!
Private Sendestationen finden Podcasting oder Download-Angebote allgemein natürlich blöd. Der Nutzer könnte hirnvergewaltigende Werbeblöcke einfach überspulen, und wenn das die Werbekunden spitzkriegen ist´s ruckzuck vorbei mit dem Spaß. Solange die Privaten über einen bestimmten Transportkanal nicht direkt das Gehirn aufschäumen können, ist der Kanal uninteressant. Aber im Ernst: Wer würde sich einen Haufen Arbeitslose um einen Wohnzimmertisch bei Verstande anhören? Wer würde, und sei es nur, um einen Reiseweg zu überbrücken, Big Brother oder Superstars oder analfixierte Blödelshows anhören? Ich nicht, mein Bewährungshelfer nicht und selbst meinem schwerstabhängigen Nachbarn würde ich das nicht zumuten.
Für alle, die jetzt von mir angefixt worden sind und gerne Radio-on-Demand auf ihren Widergabegeräten für komprimierte Audiodateien hätten, wird´s ab hier etwas technischer. Alle, die wirklich Lust auf Zeitverschwendung vor dem Ferni haben, überspringen den Teil hier und lesen nur noch die letzte Zeile.
Technik:
Zuerst räumen wir Vorurteile weg: Man benötigt für "Podcasting", also automatisiertes Abonnieren von Shows und Sendungen, keinen iPod und nichtmal iTunes. "Podcasting", also automatischer Download von Dateien, ist viel älter als die Implementierung der Funktion in iTunes. Alles, was man braucht ist ein "Catcher-Programm", das die Formate, die man abonniert (das nennt sich nur so, ist aber fast immer kostenlos, keine Angst) automatisch auf den Computer und mehr oder weniger automatisch auf einen Player für komprimierte Audio-Daten lädt, damit man sie sich anhören kann. Der Player kann der SchmediaMarkt-Stick für 25 Euro oder der dicke iPod für 450 Euro sein. Beim Podcast-Wiki (deutsch) gibt´s eine Liste für Software auf vielen Plattformen, nämlich OSX, Win und Linux. Es gibt sogar einen, den man direkt auf seinem Player ablegen kann und somit seine Programme und seinen Abo-Abrufer immer dabei hat. Das ist clever!
Was soll ich jetzt hören?
Es gibt viele große Kataloge, in denen von Blogs bis Blockbuster ein Haufen Programme aufgeführt sind (z.B. hier oder hier). Es finden nahezu alle Sprachen statt, die meisten Programme gibt´s natürlich in Weltsprachen, aber das deutsche Angebot ist auch prima. Wichtig ist, dass ein Abo-Abrufer (ein Catcher) nicht die Dateien abruft, sondern auf ein XML-File zugreift, dass vom Urheber die Dateien eingebunden bekam. Das ist viel praktischer für tägliche Sendungen, kann man so doch die Dateinamen ändern, ohne dass die Abonnenten in´s Leere grapschen. Die Adresse eines Podcasts muss also nicht auf ".mp3" enden.
Drei Programme gebe ich exemplarisch hier, natürlich nur aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, um den es hier ja geht:
Bayern2Radio - Ende der Welt
Presseclub
Tagesschau
Die Links da oben kopieren und in einen Podcatcher einfügen. Fertig! Natürlich muss man durch Podcasting nicht klüger werden, man kann auch Unterhaltungsprogramme und Blogs und ähnliches einfügen, die Auswahl ist riesig. Aber davon ein andermal.
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